Quellenkritik

Quellenkritik!

Dies kann die Antwort auf zahlreiche Fragen in den Kulturwissenschaften sein. Beispiel gefällig? “Was muss bei der Erarbeitung dieses Themas bedacht werden?” – Quellenkritik. “Was ist besonders im Hinblick auf Literatur aus der Zeit vor 1945 wichtig?” – Quellenkritik. “Was hat der Referent ganz offensichtlich nicht geübt?” – Quellenkritik.

Okay, das klingt jetzt ein wenig flappsig, dabei ist genau sie eins der wichtigsten Hilfs- ja Arbeitsmittel, wenn man kulturwissenschaftlich (oder generell wissenschaftlich?!) arbeiten will. Und der Hinweis darauf kann eigentlich gar nicht oft genug fallen, wenn man sich z.B. die fast schon legendäre Geschichte eines Studierenden zu Gemüte zieht, die mich als Lehrstück während meines gesamten Studiums begleitet hat:

Bei einem Referat aus dem Bereich der Nahrungsforschung zählt ein/e Studierende/r lang und breit die Vorzüge, Qualitäten und positiven Seiten des Nahrungs- und Genussmittels “Salz” auf, ohne auch nur mit einer Silbe etwaige Nachteile z.B. durch übermäßigen Verzehr zu erwähnen. Die (einzige) Quellenangabe auf dem Handout erklärte schließlich alles, wurde doch die Internetrepräsentanz des gleichnamigen Salzriesen aus Bad Reichenhall quasi als Standardwerk herangezogen. Unhinterfragt. Ohne, sagen wir es gemeinsam: Quellenkritik!

Diese Geschichte wurde mir in meinem ersten Semester von meinen Tutoren vorgetragen und einige Semester später verbreitete auch ich als Tutorin die (zum wissenschaftlichen Bestehen über-)lebensnotwendige und mir inzwischen in Fleisch und Blut übergegangene Weisheit: jede Quelle muss kritisch hinterfragt und vor ihrem historischen, gesellschaftlichen, politschen, kulturellen… Hintergrund betrachtet werden.

Wikipedia – eine verlässliche Quelle?

Die Unibibliothek Bamberg hat auf ihrer Facebookseite vor kurzem die Frage gestellt, wie man zum Thema “Zitieren aus der Wikipedia” stünde – leider bislang ohne Antworten. Inspiriert wurde der Fragensteller wohl von einem Online-Artikel zum 10jährigen Jubiläum des Online-Lexikons, in dem u.a. das Ziel des Gründers Jimmy Wales genannt wird, “Wikipedia als wissenschaftliche Quelle zu etablieren”. Laut des Artikels ist es angeblich (inzwischen) an Universitäten und Schulen nicht (mehr) erlaubt, Artikel aus der Wikipedia zu zitieren.
Mir ist kein offizieller Beschluss bekannt, nachdem dies nicht gestattet wäre, muss aber auch dazu sagen, dass ich seit meinem Abschluss nicht mehr am alltäglichen Studiumsbetrieb teilnehme. Allerdings gehe ich davon aus, dass weiterhin in Tutorien auch in anderen Fächern auf die Gefahren einer Quelle wie Wikipedia hingewiesen wurde und wird.
Wikipedias großer Vorteil, dass die Datenbank von registrierten Nutzern einfach und schnell ergänzt und verändert werden kann, ist natürlich auch ihr Nachteil. Nicht selten wurden in den letzten Jahren Fälle bekannt, in denen z.B. kontroverse Personen und Sachverhalte bewusst verfälscht wurden, um politische Gegner zu schwächen oder zu provozieren. In den meisten Fällen bietet Wikipedia allerdings einen schnellen Überblick über jedes nur erdenkliches Thema, wie es seinesgleichen sucht. Die Feldherren im 30jährige Krieg, der Nahost-Konflikt, die Abseitsregel oder die Zweifarbige Beißschrecke – wieso erst lange Fachliteratur wälzen und sich nicht erstmal einen (häufig fehlerlosen) Überblick verschaffen?
Wikipedia hat meiner Meinung nach in Wissenschaftskreisen einen schlechteren Ruf, als verdient: Viele Köche würden den Brei verderben und wer ein bestimmtes Fach nicht zumindest studiert habe, könne eigentlich keine verlässliche Abhandlung niederschreiben, dies sei und bleibe Aufgabe der beruflichen Wissenschaftler. Bei dieser Kritik sollte beachtet werden, dass die wenigsten Einträge ohne Hinweis auf Ursprung der Informationen online gestellt werden. Häufig werden die Texte durch entsprechende (wissenschaftliche) Quellen belegt, was z.B. Studierenden als ersten Einstieg in die Materie dienen kann und zur weiteren Recherche mit (wissenschaftlicher Print-)Literatur führt. Bei kritischen und eventuell mangelhaften Einträgen wird deutlich sichtbar auf fehlende Belege sowie die Notwendigkeit der Nachbesserung eines Artikels hingewiesen.  Die der Wikipedia zugrunde liegende “Kontrolle der Vielen” ist neben der berühmten “Weisheit der Vielen” ein qualitätssteigerndes Kriterium, das Beachtung verdient und die Güte des Online-Lexikons als Quelle steigern kann.

Wikipedia – eine volksnahe Quelle!

Für meine Zwecke ist Wikipedia geradezu ideal. Möchte ich einen großen Überblick über Bedeutung, Konnotation, Definition… des Begriffs “Held” erarbeiten, brauche ich genau den Grundkonsens, der in der Wikipedia entsteht. Viele Autoren, die sich gemeinsam auf eine Definition einigen müssen, möglicherweise auch nur die Annäherung an einen so alten wie modernen, einen so festen wie wandelbaren Begriff. Natürlich werde ich mich noch vieler anderer (wissenschaftlicher wie profaner) Quellen bedienen müssen, um den Status Quo der Bedeutung von “Held” nur annähernd deutlich machen zu können. Doch die Gemeinschaftsarbeit der Wikipedia liefert schon mal einen guten Überblick über eine volksnahe und sich zudem aus wissenschaftlichen Quellen speisende Definition und einen nennenswerten Lexikoneintrag unter zahlreichen noch kommenden.

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