Wissenschaftler vs. Deutsch

Schon während meiner Magisterarbeit hatte ich immer wieder das Gefühl oder die Bedenken, das, was ich da schrieb, wäre zu banal, unwissenschaftlich, profan. Warum ich diese Befürchtung hatte? Weil es verständlich klang. Nicht verklausuliert, teilweise (wie meine Doktormutter anmerkte) etwas flappsig, locker. Aber es passte. Nicht nur, weil mir die Note am Ende das bescheinigte. Nein, es passte auch zum Thema. Zu Bloggern, die schrieben, wie ihnen der virtuelle Schnabel gewachsen war. Zum Thema Fußball, der bekannterweise voller Emotion, sprachlicher Schwächen und misslungener Redewendungen aber auf keinen Fall voller distanzierender Fremdwörter und Schachtelsätze ist. Und es passte zu mir.

Meiner Magisterarbeit folgten inzwischen einige (wenige) eingereichte Aufsätze und Beiträge, bei denen ich mich ernsthaft um sprachliche Wissenschaftlichkeit, also Verklausulierung, Schachtelsätze, Fremdwörter bemühte. Teilweise mit dem Ergebnis, dass ich nach Wochen nicht mehr wirklich verstand, was ich sagen wollte. Nach diversem Umformulieren kam es mir am Ende dann doch wieder banal, unwissenschaftlich, simpel vor.
Und jetzt, während ich die ersten Textfragmente für meine Dissertation schreibe, befinde ich mich im selben Dilemma. Damit ich das, was ich im Kopf habe, schnell zu Papier zu Bildschirm bekomme, kann ich mich nicht mit absichtlichem Unverständlichmachen beschäftigen sondern schreibe locker, flockig, lesbar.

Doch woher kommen die Bedenken, nicht ernst genommen zu werden, nur weil es verständlich klingt? Dass es nicht nur mir so geht, lässt sich schön in diesem lesenswerten Beitrag im UniSPIEGEL sehen. Ich habe darin sowohl einige meiner ehemaligen Professoren als auch (deutsche) Wissenschaftsautoren wiedergefunden (nicht namentlich erwähnt natürlich, aber im Kern der Sache): Autoren, bei denen der Duden nebem dem eigentlichen Text nicht fehlen darf (mein beliebtestes Beispiel beinhaltet unzählige Male das abgefahrene Wort “efferveszent” in diversen Fällen auf wenigen Seiten – ein Wort, welches ich vorher und nachher nie wieder vernommen habe!). Professoren, die Vorlesungen im Wortsinn abhielten, um ihre Schachtelsätze um fünf Ecken am Ende sinnvoll vollenden zu können (und es Studierenden quasi unmöglich machten, diese Sätze in eigenen Worten und vor allem schnell mitzuschreiben); und die sich bei freier Rede schon nach der dritten Wendung innerhalb eines Satzes dermaßen verhaspelten, dass der begonnene Satz nie sinnvoll beendet wurde. Dozenten, die bei bemühter freier Rede auf der Suche nach dem möglichst ausgefeiltesten und abgehobensten Fremdwort nicht unter 25 “äh”s pro Minute blieben und somit weniger mit Inhalt und Wissen als mit unfreiwilliger Komik punkteten.

Ich hoffe sehr, dass die Angst des Forschers vor der Verständlichkeit irgendwann merklich nachlässt. Nicht nur der Studenten wegen, denen ich verständliche und interessante Texte wünsche (was auch zum freiwillig Lesen animieren könnte). Sondern auch für alle Nicht-Wissenschaftler, die dadurch leichter Zugang zu interessanten Forschungsberichten finden könnten – was sich ja letztendlich positiv auf alle Forscher auswirkt, deren Werk somit nicht nur von einigen wenigen Kollegen aufgenommen wird, sondern von der breiten Öffentlichkeit. Und das wünscht sich ja schließlich jeder. Und letztenendes wünsche ich mir eine Veränderung in der Wissenschaftssprache Deutsch, da es mir einfach leichter fällt so zu schreiben, wie mein Forscherschnabel gewachsen ist. Das passt auch (wieder mal) viel besser zu meinem Thema als jegliches Geschwurbel.

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One Response to Wissenschaftler vs. Deutsch

  1. Horst sagt:

    Der Spiegel-Artikel scheint noch andere dazu gebracht zu haben, das zu thematisieren: http://www.forschungsmafia.de/blog/2011/05/06/spezifisch-deutsches-wissenschaftsproblem-der-unverstandlichkeit/

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